Gedanken

Verbring dein Leben nicht auf dem Flur

Lieber F.,

[…] In einer meiner Vorlesungen dieses Semester wurde die Lebensspannenperspektive von Baltes vorgestellt. Er sagt, dass der Mensch aktiver Gestalter seiner Entwicklung sei. Ich persönlich finde das eine tolle Theorie. Hab aber festgestellt, dass sie (wie Theorien das so an sich haben) mit der Praxis manchmal schwer vereinbar ist. Viele Menschen vermeiden es tunlichst ihr Leben in die Hand zu nehmen. Es plätschert einfach an ihnen vorbei, sie treffen keine Entscheidungen selbst, weil sie sich für Probleme und Unannehmlichkeiten dann auch nicht selbst verantworten müssen. Aber du hast einfach das getan, was zu viele Menschen immer und ständig umgehen: Du hast Entscheidungen getroffen. Jetzt mal ganz ehrlich: Kannst du dir vorstellen, dass du jetzt glücklich wärst in Dresden?

Wer versucht, sich immer alle Türen offen zu halten, wird sein Leben auf dem Flur verbringen.

[…] Am Ende ist doch auch egal, was die denken, was irgendwer denkt – außer du. Du lebst nicht für diese Leute, die dir nichts bedeuten. Und die, die dich mögen, die machen das auch trotz deiner Fehler oder manchmal vielleicht gerade deswegen. Was wir aus unserem Leben machen, das soll doch nicht nur dafür sein, dass wir uns auf einem Klassentreffen mit Erfolgen brüsten können. Oder das wir einem potentiellen Arbeitgeber einen perfekten Lebenslauf vorlegen können. Weißt du, ich stell mir vor, wie ich irgendwann an einem kalten Winterabend mit meinem Mann und meinen Kindern und Enkeln auf dem Sofa sitze. Draußen fällt der Schnee, drinnen scheinen die Kerzen. Wir sind alle in Decken eingemummelt und wärmen uns unsere kalten Hände an Tee und Kakao. Und plötzlich fragen unsere Enkel, wie wir das machen, immer so glücklich zu sein. Mein Mann und ich werden uns anschauen und von unserem Leben erzählen, mit all den Höhen und Tiefen, die wir erst alleine und später gemeinsam durchlebt haben. Ich werde an all die Tage denken, an denen ich mich gefragt hab, warum ich mir das alles antue und an die vielen Momente, in denen ich dachte etwas sei nicht so gelaufen, wie ich es mir gewünscht hätte. Und dann sehe ich mich wieder mit meiner Familie auf diesem Sofa und weiß genau, dass all diese Tage und Momente mich zu dem gemacht haben, was ich bin. Ich werde meinen Enkeln das sagen, was mein Papa mal zu mir gesagt hat:

Alle Entscheidungen, die du in deinem Leben treffen wirst, werden immer die richtigen gewesen sein.

Und meine Enkel werden verstehen, dass man manchmal viele Umwege gehen muss, um im Leben an sein Ziel zu gelangen und dass man manchmal am Ende des Weges feststellt, dass man zwar ein anderes Ziel erreicht hat als gewollt, aber dieses noch viel großartiger ist…

Uli Feichtinger hat einmal geschrieben, das Universum kenne nur drei Antworten auf unsere Wünsche und Fragen:

  • Ja
  • Noch nicht oder
  • Etwas Besseres

Wer weiß, ob sie damit Recht hat. Aber lass und doch einfach so naiv sein und es glauben.

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1 Comment

  • Reply February Inspiration – Großstadtpoesie 4. Februar 2016 at 18:08

    […] Wem es auch manchmal so geht, findet den kompletten Post hier: “Verbring dein Leben nicht auf dem Flur”. […]

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