Gedanken

Beziehungsunfähig am Arsch

Es ist gerade mal Mai und mein Unwort des Jahres steht schon fest: beziehungsunfähig.

Leute, ehrlich, ich kann es nicht mehr hören. Schlimmer noch: „Generation Beziehungsunfähig“. Statt dieses Stichwort zu sagen, könnte auch jemand mit seinen Fingernägeln langsam eine kreidebeschmierte Tafel runterkratzen – es würde ein ähnliches Gefühl in mir auslösen.

Warum?
1.   Ich denke nicht, dass meine Generation unfähiger ist als die vor uns und
2.   fange ich trotzdem langsam an, es selbst zu glauben.

Ja, vielleicht denkt und handelt unsere Generation anders. Vielleicht suchen wir mehr nach uns selbst, wollen reisen, erleben, uns frei fühlen, von Bedeutung sein. Aber macht uns das unfähig?
Ja, vielleicht hatten wir im Gegensatz zu unseren Eltern und Großeltern nie etwas auszustehen. Aber macht uns das unfähig? Macht uns das so unfähig, dass dieses Wort Stempel unserer Generation wird, den wir fortan auf unserer Stirn tragen?
Es geht mir gar nicht darum zu sagen, wir wären besonders beziehungsfähig (was auch immer das überhaupt bedeutet). Ich möchte nur behaupten, dass wir nicht unfähiger sind als alle um uns herum.
Warum mir das so wichtig ist? Sagt euch Sterotype Threat etwas? Nein?

Lasst mich euch eine Geschichte erzählen:

1995: Während die Generation Y im Kindergarten noch Buden baut, nichtsahnend von dem Ruf, der ihr und ihrer Beziehungs(un)fähigkeit ein paar Jahre später vorauseilen wird, forschen die Sozialpsychologen Steele und Aronson zum „Stereotyoe Threat“.

„In der Stereotype-Threat-Theorie wird die Annahme vertreten, dass Personen ein Gefühl der Bedrohung erleben, wenn sie sich in einer Situation befinden, in der sie befürchten (a) auf Basis von negativen Stereotypen beurteilt zu werden bzw. (b) durch ihr eigenes Verhalten negative Stereotype bezüglich ihrer Gruppe unbeabsichtigter Weise zu bestätigen.“ ¹

Zahlreiche Studien zeigten beispielsweise, dass Testpersonen (z.B. in Mathetests) signifikant schlechter abschneiden als die Kontrollgruppe, wenn ihnen zuvor gesagt wurde, dass sie aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Herkunft, Hautfarbe oder anderer soziodemografischer Merkmale erwartungsgemäß schlechtere Ergebnisse erzielen werden.

Erstens wird postuliert, dass die Testleistung von Personen durch Stereotype Threat negativ beeinflusst wird, so dass betroffene Personen geringere Leistungen erzielen, als es ihr Leistungspotential eigentlich ermöglichen würde. Zweitens wird angenommen, dass Personen sich von den Bereichen distanzieren und folglich eine geringe Identifikation mit den Bereichen aufweisen, in denen sie mit negativen Stereotypen konfrontiert werden. […] Diese Annahmen konnten empirisch gestützt werden.¹

Ohne (bisher) wissenschaftliche Studien dazu durchgeführt zu haben, glaube ich, dass man diesen Gedanken hervorragend auf die „Beziehungsfähigkeit“ unserer Generation übertragen kann. Mittlerweile haben doch schon das erste Date, das Kennenlernen und Partnerschaften sowieso, den Charakter von Leistungstests. Wie lange hält das Ganze? Wann macht das Paar den ersten Fehler? 
Wir sind stetig unserem und den Urteilen unseres Umfeldes ausgesetzt und der bewussten oder unbewussten Angst, wir könnten tatsächlich das Stereotyp „beziehungsunfähig“ bestätigen.

Wenn ihr mich fragt, hält uns das davon ab, unser eigentliches „Leistungspotential“ auszuschöpfen. Ich glaube nämlich, dass wir hervorragende Beziehungstypen sind! Und bevor wir uns durch dieses negative Stereotyp davon distanzieren, lasst uns das unnötige „un“ vor dem „fähig“ einfach streichen!

So. Und morgen früh mach ich uns Waffeln.
Uns, der „Generation genauso (wenig) beziehungsfähig“

 

– – – 

¹ Institut für Psychologie und Pädagogik. Universität Ulm (2014). Online abrufbar unter https://www.uni-ulm.de/in/psy-paed/soz/forschung/stereotype-threat.html

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2 Comments

  • Reply
    Fabian
    16. Mai 2016 at 7:51

    Ich denke das unsere Generation einfach andere Ziele hat als die Generationen vor uns. Und diese Ziele führen dazu das wir die Beziehungsseite nicht als erstes ToDo im Blickfeld haben, sie aber dennoch als wichtig empfinden.
    Wir stecken somit prioritär erstmal Zeit in andere Projekte. Für eine Beziehung ist später dann noch Zeit.
    Was also wie du Anna schreibst, absolut nicht beziehungsunfähig bedeutet.

  • Reply
    Vicky
    8. Juni 2016 at 9:06

    Du hast so Recht, dass sich die Interessen im Laufe der Jahrzehnte einfach verlagert haben. ich dachte auch jahrelang, dass ich Beziehungsunfähig sei… aber wie der Zufall so will, stimmt das gar nicht :))

    ich wünsch dir einen schönen Tag!
    liebste Grüße,
    ❥ Vicky | The Golden BunInstagram TGB 

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