Gedanken

Plötzlich hat sie einen Namen

Und plötzlich hat sie einen Namen.
Ist nicht mehr nur ein Umriss der Vergangenheit.
Plötzlich hat sie einen Namen.
Sie, die dein Herz hat höher schlagen lassen.
Sie, die dich so verletzt hat.
Sie, die dir trotz allem noch immer wichtig ist.

Plötzlich hat sie einen Namen.
Und einen besonderen noch dazu.
Ich frage mich, wie es wäre, wenn sie Renate hieße, Brigitte oder Kunigunde – wäre es dann einfacher?

Plötzlich hat sie einen Namen.
Und in meinem Kopf malt sich ein Bild.
Wie sie mit schwebenden Bewegungen durch ihre Altbauwohnung tanzt – in die Küche, wo die Abendsonne ihre Schatten an die Wand malt. Anmutig. Grazil. Zauberhaft.
Sie öffnet die Ofentür, ein warmer Dampf strömt ihr entgegen. Ein Lächeln wischt über ihr Gesicht als sie den frischen Apfelkuchen aus dem Backofen holt. Nach dem Rezept ihrer Oma, die sie jeden Sonntag anruft, um ihr, mit sanfter Stimme Geschichten zu erzählen. Und zuzuhören. Denn auch das kann sie gut.

Eine Autotür knallt und katapultiert mich zurück. Zurück aus meinen Gedanken. Ich sitze auf meinem Bett und lasse den Blick schweifen. Auf dem Boden liegen Klamotten verstreut, die ich waschen oder wieder zusammenlegen und in die Kommode räumen wollte. Und Wischen müsste ich mal. Das denke ich seit etwa 128 Tagen.

Ich merke, wie ich an den Fingernägeln knibbel, wie ich es immer mache, wenn ich irgendwie unruhig bin.
Sie, die plötzlich einen Namen hat,
die dein Herz hat höher schlagen lassen,
die dich so verletzt hat und dir trotz allem noch wichtig ist,
sie hat sicher perfekte Nägel – natürlich gepflegt oder kokett lackiert.
Während ich nach der zerbeulten Limoflasche neben meinem Bett fische, legt sie wohl in diesem Moment ihre zarten Finger um eine große Teetasse. Die zarten Finger, die du so gern in deinen gespürt hast.
Aus den kleinen Sommersprossen auf ihren Händen zeichnen sich Sternbilder. Und…

Und langsam wird es abstrus, denke ich.
Ich nehme das Handy in die Hand, um meine blühenden Fantasien zu beenden. Gut, dass wir im 21. Jahrhundert leben und jeder sein Bedürfnis nach Selbstdarstellung im Internet stillen kann.
Es dauert keine zwei Minuten. Gefunden.
Da ist sie. Sie, die plötzlich einen Namen hat.
Und jetzt auch ein Gesicht.
Und ein besonderes noch dazu.

Ich scrolle durch Foto um Foto, sauge jeden Text auf.
Sie jongliert mit Worten. Strickt aus ihnen einen wärmenden Schal oder zaubert daraus einen sprudelnden Springbrunnen.
Mir fällt ein, dass ich über Deine-Mudder-Witze lache. Vielleicht sollte ich das mal lassen.

Ich scrolle durch Foto um Foto, sauge jeden Text auf.
Fünfthundert Menschen gefällt das.

Ich scrolle durch Foto um Foto, sauge jeden Text auf.
So wie du es wohl gemacht hast.

Ich scrolle durch Foto um Foto, sauge jeden Text auf.
Bleibe an einem Bild hängen. Frage mich: Wie kann man denn so schön sein?
So wie du es wohl gedacht hast.

Ich scrolle durch Foto um Foto, sauge jeden Text auf.
Ein kleiner Stich in meinem Herz.
Ein großer.
Zwei.
Drei.

Als eine Krokodilsträne meine Wange runter kullert, denke ich:
Eigentlich, eigentlich ist sie doch auch nur ein Mädchen auf der Suche. Auf der Suche nach sich selbst. Auf der Suche nach der Antwort auf die Fragen – Wer bin ich und – Wer will ich sein?

Ich scrolle durch Foto um Foto, sauge jeden Text auf.
Halte inne.
Es geht doch nicht um sie.
Vielmehr um mich.
Mich. Auch nur ein Mädchen auf der Suche. Auf der Suche nach sich selbst. Auf der Suche nach der Antwort auf die Fragen – Wer bin ich und – Wer will ich sein?

Weil ich gern ein bisschen mehr Räubertochter wär.
Ein bisschen mehr Goldmarie.
Weil ich schon lange mal dies schaffen wollte.
Und jenes.
Und noch immer damit hadere, dass…

Ich scrolle durch Foto um Foto, sauge jeden Text auf.
Auf der Suche nach mir selbst?
Ja.
Ein bisschen.
Jeden Tag.

Ich scrolle durch Foto um –
Ach hier,
hier find ich mich nicht.

 

Titelbild via Unsplash – Sasha Freemind

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4 Comments

  • Reply
    Stephie
    4. Januar 2017 at 15:14

    Was für ein unglaublich toller Text, wow!

  • Reply
    shadownlight
    4. Januar 2017 at 19:09

    Das ist so schön geschrieben, danke dafür.
    Liebe Grüße!

  • Reply
    Viktor
    5. Januar 2017 at 16:21

    Mir kommen auch gleich die Krokodilstränen, so schön! Und sie meint immer sie hat nüscht zu sagen!

    XOXO

    • Anna
      Reply
      Anna
      10. Januar 2017 at 20:48

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