Alles über uns

gedanken-liebe-geschichte

Worauf könntest du nicht verzichten?

„Oh, das ist aber eine schwere Frage.“, sagt sie, „Vielleicht Luft oder Wasser? Ich meine, darauf kann man ja von Natur aus nicht verzichten. Ach nee, irgendwie ist das langweilig – findest du nicht? Das schreibt sicher jeder. Hast du schon eine Idee?“.
Er legt den Kopf schief und lächelt sie an: „Ja“, sagt er, „Ja, hab ich.“

Es ist ihre Tradition: Seit zwei Jahren sitzen sie sonntags zusammen und blättern durch das Buch – auf der Suche nach einer interessanten Frage. „Alles über uns“ steht auf dem knallroten Cover. Sie liebt Ausfüllbücher. Und er, er liebt sie.
„Hmm, du hast also schon eine Idee. Hat sie etwas mit Essen zu tun? Etwas zu Essen wäre ja auch nicht schlecht – vielleicht Donuts oder Amerikaner, die liebe ich über alles. Aber das ist auch blöd, wenn ich das in dieses Buch hier schreibe, oder? So unkreativ und irgendwie plump. Und wenn es sein müsste, könnte ich ja schon drauf verzichten. Also nein, Essen wird es nicht.“ Sie macht eine Pause und überlegt. Langsam fährt sie mit dem Zeigefinger über die Stelle, an der die Frage abgedruckt ist. „Worauf könntest du nicht verzichten?“, steht dort in kleinen schwarzen Buchstaben.

Sie nimmt den Stift in die Hand und schaut konzentriert auf die Buchseite. Unter der Frage sind zwei schmale schwarze Linien gezogen. Vor der einen ist ein großes „A“ gezeichnet; vor der anderen ein „B“. Die Zeile mit dem A ist für sie, die Zeile mit dem B ist für seine Antwort.

„Gar nicht so einfach, was?“, sagt sie in seine Richtung, „Und du hast schon eine Idee? Eine, die nichts mit Essen zu tun hat?“
„Ja“, sagt er, „Ja, hab ich.“
Sie: „Vielleicht nehme ich Musik. Auf Musik würde ich wirklich nicht verzichten wollen. Ja, die Antwort finde ich eigentlich nicht schlecht. Aber müsste ich das dann noch spezifizieren? Musik ist ja ein großes Feld. Hach, das ist schon ein bisschen kompliziert.“
„Meine Antwort ist nicht kompliziert, ich muss sie auch nicht spezifizieren.“, sagt er und schmunzelt.
„Tatsächlich?“, sie schaut ihn mit fragenden Augen an, „Ich wüsste zu gerne, was deine Antwort ist.“
Er nimmt die Kappe vom Füller, setzt die Feder auf die Linie und schreibt:

A.

2 Kommentare

  1. Avatar 20. Dezember 2015 / 1:08

    Ich scrolle grad mal so durch deine Blogposts und ich liebe deine Texte einfach 🙂
    Wirklich wunderschön geschrieben.
    Gibt es dieses Buch wirklich?
    Ich mag solche Bücher nämlich auch sehr gerne 😀

    Liebe Grüße 🙂
    Alina

    • Anna
      Anna
      Autor
      20. Dezember 2015 / 1:26

      Dankeschön, das freut mich wirklich sehr!
      Ja, dieses Buch gibt es tatsächlich und es heißt wie der Titel des Textes „Alles über uns“ – ich kann es sehr empfehlen 😉

      Liebe Grüße
      Anna

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