Gedanken

Fleischthekenträume

Es ist Freitag. Gott und die Welt haben sich im Supermarkt versammelt, um ihren Wochenendeinkauf zu verrichten. Ich stehe vor den Nektarinen, scanne mit den Augen jede Frucht und greife nach einem besonders dunkelroten Exemplar. Bei Nektarinen bin ich wählerisch: Sie müssen noch fest, aber ja nicht unreif sein – „schnorpsig“ nenne ich diese Konsistenz, die – wenn man sie erwischt – eine perfekte süße, aber dennoch bissfeste Nektarine für einen bereit hält. Ich spinne. Ich weiß.

In den Millisekunden, in denen die Obstwaage das Etikett druckt, schweift mein Blick zur Fleischtheke. Vor dem Tresen steht ein Pärchen, ihre Aufmerksamkeit auf die Fleischauslage gerichtet. In diesem Moment legt der Mann, einen Arm um seine Frau, sie schauen sich an und nicken. Mein Herz bleibt kurz stehen und ein Lächeln macht sich auf meinen Lippen breit. Wow. Was für ein Moment. Da stehen also zwei Menschen, die gemeinsam ihren Wochenendeinkauf machen – unscheinbar, alltäglich, geradezu nichtig erscheint diese Situation im ersten Augenblick. Aber sieht man genau hin, erkennt man: Dieser Moment ist vielleicht unscheinbar, ja, aber voller Liebe. Denn da stehen zwei Menschen, die ihre Zeit miteinander verbringen wollen, die gemeinsame Pläne schmieden, die sich lieben.

Gedankenverloren klebe ich das Etikett auf die Nektarine und in meinen Kopf macht sich die Idee breit: Das möchte ich auch mal erleben. Meinen eigenen kleinen Fleischthekentraum.

Fleischthekenträume, das sind Momente, die auf den ersten Blick unscheinbar, alltäglich, geradezu nichtig erscheinen mögen – in Wirklichkeit aber das Leben ausmachen. Es sind diese kleinen Augenblicke, in denen man eine Sekunde innehält und merkt: Das ist dein Leben. Das ist das Leben, das du führen willst. Das ist dein Leben und es ist gut. Eine Mischung aus ankommen, erwachsen werden und jung bleiben, dankbar sein – ein innerer Endorphin-Springbrunnen, in dem Moment, in dem einem bewusst wird: Das ist ein kleiner Traum, den du seit Jahren mit dir trägst und dass er in Erfüllung geht, macht dich glücklicher als so manche große Errungenschaft. Ein inneres Blumenpflücken. Das Leben ist gut.

Der erste Fleischthekentraum wuchs wohl in den Neunzigern auf einem Rastplatz irgendwo in Deutschland. Damals wusste ich noch nicht, dass ich für Gedanken dieser Art mal eine eigene Bezeichnung erfinden würde, dass die Erfüllung dieser Träume traumhaft sein müsste, darüber war ich mir damals schon sicher. Ich habe es als Kind geliebt, auf den Parkplätzen von Autohöfen Jugendliche zu beobachten, die offensichtlich gemeinsam in den Urlaub fuhren. Wie sie – zumeist im Jogger – aus den Autos kraxelten, die Musik aufgedreht, lautes Gelächter. Mit Freunden in den Urlaub fahren, kann es was Besseres geben? Abenteuer erleben, Geschichten schreiben.
Vor zwei Jahren wurde dieser Fleischthekentraum für mich Wirklichkeit. Als ich irgendwo zwischen Deutschland und Schweden aus dem Auto stieg, die Musik noch aufgedreht, lautes Gelächter – Abenteuer erlebend, Geschichten schreibend – da wurde mir bewusst: Das ist ein kleiner Traum, den du seit Jahren mit dir trägst und dass er in Erfüllung geht, macht dich glücklicher als so manche große Errungenschaft. Ein inneres Blumenpflücken. Das ist dein Leben. Das ist das Leben, das du führen willst. Das ist dein Leben und es ist gut. Eine Mischung aus ankommen, erwachsen werden, dankbar sein – ein inneres Blumenpflücken, ja und was für ein Strauß!

In meinem Kopf tummeln sich noch so einige Fleischthekenträume. Zum Beispiel, sehe ich mich, wie ich mit meinem Mann in einem schönen Auto auf der Autobahn in den Sonnenuntergang fahre, das Radio spielt unsere All-time-favorites, ich beobachte wie die Landschaft an uns vorbei zieht, er nimmt meine Hand, ich schließe die Augen, halte eine Sekunde inne und merke: Das ist dein Leben. Das ist das Leben, das du führen willst. Das ist dein Leben und es ist gut.
Unscheinbar, alltäglich, geradezu nichtig erscheint diese Situation im ersten Augenblick. Aber sieht man genau hin, erkennt man: Dieser Moment ist vielleicht unscheinbar, ja, aber voller Liebe. Denn da sind zwei Menschen, die ihre Zeit miteinander verbringen wollen, die gemeinsame Pläne umsetzen, die sich lieben.
Eine Mischung aus ankommen, erwachsen werden und jung bleiben, dankbar sein – ein innerer Endorphin-Springbrunnen, in dem Moment, in dem mir bewusst wird: Das ist ein kleiner Traum, den du seit Jahren mit dir trägst und dass er in Erfüllung geht, macht dich glücklicher als so manche große Errungenschaft. Ein inneres Blumenpflücken. Das Leben ist gut.

Ist das verrückt?
Oder habt ihr auch solche Situationen in eurem Kopf, die ihr mal erleben möchtet?

 

Titelbild von @jbriscoe via unsplash

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